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Fern- und Nahsichten

Heinrich Maas in Recklinghausen

Texte und Bilder eines Niederrheiners

Von Dr. Christine Vogt


Christine Vogt (*1967) studierte in Aachen Kunstgeschichte, Baugeschichte, Geschichte und Politische Wissenschaft, absolvierte nach dem Magister ein Volontariat am Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, wo sie danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Neben Forschungsprojekten zum 16. und 17. Jahrhundert arbeitete sie vor allem als Ausstellungskuratorin. Der Bereich der zeitgenössischen Kunst bildete hier einen Schwerpunkt. Eine Promotion zum Thema der graphischen Kopie nach Vorlagen Albrecht Dürers im frühen 16. Jahrhundert wurde vorgelegt. Seit März 2008 leitet sie die LUDWIG-GALERIE Schloss Oberhausen. In einem abwechslungsreichen Ausstellungsprogramm widmet sich das Haus drei Themenschwerpunkten: der Sammlung Peter und Irene Ludwig, der populären Kunst und dem Strukturwandel im Ruhrgebiet. Von Anfang 2012 bis März 2015 engagierte sie sich als eine der SprecherInnen der RuhrKunst-Museen.
Besonders das Zusammengehen von alter und zeitgenössischer Kunst bildet einen Interessenschwerpunkt.

Das Medium des Drucks in Verbindung mit der Sprache hat Heinrich Maas sich für diesen Band und seinen 70. Geburtstag ausgewählt. Sicherlich zwei zentrale Punkte in seinem Oeuvre, doch kennt man neben den zweidimensionalen Werken auch seine dreidimensionalen, seine bildhauerischen Arbeiten. In beiden Bereichen, in der Bildhauerei ebenso wie beim Druck, bedient Maas sich gern vorgefundener Dinge, den sogenannten objet trouvés (Gefundenes).

Und so begegnen dem Betrachter in den grafischen Blättern ungewöhnliche und zum Teil nur schwer zu deutende Strukturen. Fremdmaterialien, wie sie die klassischen Druckverfahren nicht kennen, erscheinen als prägendes Ornament. Oft im Rapport, in der wiederkehrenden Abfolge, manchmal eine eigenwillige kleine und eigene Struktur bildend. Netze finden sich mit Ein- und Durchblicken, unversehrt oder aufgeschnitten, in klarer Strenge oder mit Einsprengseln. Die Formen bekannt und vertraut und doch so fremd, lassen Irritationen zu und stellen die Frage nach der Herkunft. Heinrich Maas selbst hebt den Schleier:

„Schinken- und Käseverpackungen, 
Pralinen- und Schoko-Schachteln, 
Isoliermatten vom Bau,
Sisal von alter Floristik“

schreibt er in seinem Gedicht.

Aber auch Pappen oder die morbide Ästhetik gerissenen Papiers zeigt sich im Bildgeviert. Wundersame Formen entstehen, die zum Teil durch das Zusammengehen dieser genannten mit noch weiteren Materialien, oder der Kombination anderer drucktechnischer Finessen, entstehen. Maas bedient sich der Tiefdruck- bzw. der Hochdrucktechnik, bei der mit Hilfe einer Presse die Farbe vom Druckstock – der bei Maas keineswegs klassisch ist – auf das Trägermaterial, auf das Papier gepresst, gedruckt wird.

Die Entwicklung drucktechnischer Verfahren und auch die bis heute anhaltende Nutzung, hatte immer den Grund darin, eine Vielzahl von Abzügen herstellen zu können. Auch diese grundlegende Eigenschaft der Technik umgeht Maas in seinen Arbeiten, die stets als Unikate, als Einzelarbeiten erscheinen.

Neben der Einarbeitung von Fundstücken, die vielen der Werke eine collagenhafte Erscheinung geben und bei denen man fast schon von einer Assemblage, einer Materialcollage, sprechen kann, werden aber auch die klassischen Werkzeuge sichtbar. Vor allem die Radiernadel findet sich in Schwüngen und Strukturen, manchmal im samtenen Erscheinungsbild der Kaltnadel. Abgenutzte Acrylplatten können eine Art Druckstock bilden und mit ihren (streng genommen) Beschädigungen wunderbare, wie geätzt aussehende Spuren hinterlassen. Immer wieder kann eine Platte zum Einsatz kommen und viele der Bilder sind auch nach dem Druck noch keineswegs im Stadium des „finito“ angekommen. Maas überarbeitet häufig das gedruckte Ergebnis und gibt so den Unikaten noch ein bisschen mehr den Charakter der „Originalität“, des Einzelstücks.

So ist es die Zeit, die ebenfalls mit in die Arbeiten einfließt, ein Werkprozess, der in Ruhe und bisweilen Nachdenklichkeit dem hektischen Hier und Jetzt etwas entgegensetzt. Heinrich Maas bezeichnet dieses Buch als Werk eines Niederrheiners und gibt so seiner Verbundenheit zur heimatlichen Landschaft mit Ausdruck. Diese Nähe zu den eigenen Wurzeln, diese Zugehörigkeit zu einer speziellen geografischen

Region mit ihren besonderen und eigenwilligen Ausprägungen ist auch für sein künstlerisches Schaffen von Bedeutung. Er entstammt einer großen Familie, in der die Kinder – stets umgeben von zahlreichen Geschwistern – draußen, in Garten und Natur das Leben kennenlernen und erforschen. Arbeitet er künstlerisch zum einen industrielle Materialien wie Schablonen in die Blätter mit ein, scheint trotzdem die immer wiederkehrende Form des Kreises, der stets den Abdruck einer Baumscheibe mit ihren Jahresringen assoziieren lässt, die Natur präsent zu halten und zu verkörpern. Dabei kann diese Form sowohl durch ein eingedrucktes Objekt, als auch durch die Führung der Radiernadel angelegt sein:

„Hunderte von Varianten, kombiniert in Tief- und Hochdruck, herrliche Ölfarben und zarte Kaltnadel-Linien.“

Manchmal schmückt ein Gesicht den, im Mittelalter für das Göttliche und Vollkommene stehenden Kreis. Manchmal vervielfältigt sich die Grundform und wird in ihren Details variiert. Hier können die Bilder zu Diptychen oder Triptychen zusammengesetzt werden, den uralten Anlagen von Altären und Kultbildern. Dass Heinrich Maas Theologie und auch Psychologie studiert hat, scheint bei solchen Bildern nicht zu wundern. Es öffnen sich weitere Ebenen, die über die reine Art der Darstellung weit hinausgehen.

Dies wird ebenfalls durch die Farbigkeit unterstützt, die eine zentrale Rolle spielt und auch in vielen Fällen die Landschaftsverbundenheit des Niederrheiners mitschwingen lässt. Blau ist eine prägende und häufig vorkommende Farbe, die bereits am Anfang der Moderne von Künstlergruppierungen wie dem Blauen Reiter als namensgebend geadelt wurde. Immer wieder als „geistige Farbe“ mystifiziert, kann sie aber auch als eine der „kalten Farben“ für Ferne und Distanz stehen. Dass Wasser und Himmel ebenfalls blau sind, schließt sich hier nur als banale Kenntnis an.

Aber auch die als „warme Farben“ bezeichneten Rot- und Gelbtöne spielen in vielen der Arbeiten eine wichtige Rolle. Optisch stellen sie

Nähe her, symbolisieren die Sonne und das Feuer. Aber auch „rot wie Blut“ weiß schon das Märchen zu zitieren. Heinrich Maas arbeitet häufig in Farbklängen, die bis zu monochrom anmutenden Komposi- tionen reichen können. Wobei monochrom hier keinesfalls eintönig im Sinne von fade meint, sondern eintönig im Sinne von, den Ton in all seinen Klangarten ausspielend. Maas lässt den Farben in vielen seiner Arbeiten Raum, Raum ihre sehr individuellen Eigenschaften zu entfalten. Dies tut er mit Genuss:

„Samstagmorgen an der Uni:
Uralte Acryl-Platten
Voller verschiedener Farben
ergeben zarte Pastelltöne.“

Diese Pastelltöne treffen sich in Überlagerungen und Schichten, überdecken sich und geben tiefe Einblicke in andere Bereiche frei. Es sind im wahrsten Sinne Sehstücke, die Heinrich Maas herstellt, Bilder von großer Tiefe und Ausdrucksstärke. Außer dem gestischen Duktus und der manchmal anklingenden Figuration ist es aber – neben dem Kreis – auch die klare geometrische Stringenz des Vierecks, des Quadrats oder Rechtecks, die ordnend in die Bilder eingreift. Wenn auch hier noch einmal die Symbolik des Mittelalters zitiert werden darf, steht diese ursprünglich für das Irdische, für die Welt und den Menschen und damit – trotz ihrer vollkommenen Form – für die Unvollkommenheit. Dies kann bei Heinrich Maas aber wohl nicht zwingend als Konnotation gelesen werden. Vielmehr wirkt sie in vielen seiner Arbeiten als struk- turierend, einen Raum absteckend und ein Feld definierend. Weitere Interpretationsmöglichkeiten stehen dem Betrachter bei intensiver Versenkung in die Werke damit offen.

Und eigentlich steckt in seinem Gedicht vom Drucken alles, was wichtig ist schon drin: „Kreative Vielfalt, rauschhaftes Glück!“

Dr. Christine Vogt

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Didier Daeninckx der Autor von „Galadio“

Didier Daeninckx

Didier Daeninckx, der Nachname ist flämischen Ursprungs, wurde 1947 in Aubervilliers im Département Seine–Saint–Denis im Nordosten von Paris geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet.

Er ist seiner  Herkunft aus dem industriellen Arbeitermilieu auch in seinem Werk verpflichtet, aber nicht verhaftet. Der Großvater väterlicherseits ein anarchistischer Deserteur im ersten Weltkrieg, der Großvater mütterlicherseits ein kommunistischer Bürgermeister, sein Vater Anarchist, seine Mutter Kommunistin, da lernt man die Kritik der Verhältnisse.

                    Daeninckx hat Drucker gelernt und diesen Beruf auch ausgeübt bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Der Journalist D. Daeninckx ist immer dann auch in seinen Büchern anwesend, wenn einer seiner Protagonisten sich in eine Bibliothek oder in ein Archiv begibt, um etwas zu recherchieren.

Es kann nicht überraschen, dass er sich in den Jugendjahren der Republik auch in der alternativ autonomen Szene umgetan hat. Er war eine Zeitlang  Mitglied der KPF, aber Parteidisziplin ist nichts für einen Autor, der sich als „libertär“ definiert. Er ist, was man in Frankreich ein <électron libre> nennt und mit „ein freies Radikal“ übersetzen könnte, parteiisch, nicht parteilich.

Seit 1977 arbeitet er als freier Schriftsteller für eine Vielzahl von Verlagen.

                    Diszipliniert ist Daeninckx nur in seinem literarischen Schreiben, von seinem Fleiß zeugt die beeindruckende und beeindruckend lange Liste von  Veröffentlichungen. Theaterstücke, Drehbücher, Texte für graphische Romane, Kinderbücher, Bildbände in Zusammenarbeit mit Photographen, vor allem aber über 50 Romane und Bände mit Erzählungen.

                    Sein literarisches Début gab er in der „ série noire“ des Verlages Gallimard, schwarz nicht nur wegen der Schwärze der Kriminalgeschichten, sondern der Farbe der Buchumschläge geschuldet in deutlicher Abgrenzung zum „weiß“ gestalteten literarischen Programm des Verlages. Daeninckx gehört neben Jean Patrick Manchette und Daniel Pennac zur „neuen Welle“ der  französischen Kriminalliteratur in den 80er Jahren. In diesen Romanen gibt  es keinen souveränen Ermittler mehr, der fast im Alleingang einen Fall  löst, gerne auch in den gehobenen Schichten. Die Verbrechen geschehen dort, wo sie hingehören, mitten in der französischen Gesellschaft, sie erklären sich aus deren Geschichte und den politischen Machtverhältnissen. 

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Rezension: „Kunst kann man nicht kaufen!“

Helga König, Freie Journalistin, Mitglied im DPV- Verband für Journalisten hat das, beim Magenta Verlag erschienene, Buch „Kunst kann man nicht kaufen!“, von Cornelius Rinne, rezensiert. Hier ihre Meinung:

Das vorliegende kunsttheoretische Buch mit dem Titel „Kunst kann man nicht kaufen!“ hat der umtriebige Künstler Cornelius Rinne verfasst. Der diplomierte Grafik-Designer war u.a. im Atelier von Joseph Beuys tätig und gründete 1984 sein eigenes Atelier für Design und Illustration in Krefeld. Ab 2005 verlagerte er seine Tätigkeit verstärkt in den Bereich der bildenden Kunst und intensivierte ab 2008 seine Ausstellungstätigkeit- sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland. Seit 2012 befasst er sich zudem kuratorisch. Dies geschah zunächst für den PEGASUS, dem freimaurerischen Verein für Kunst, Kultur und Kommunikation und mittlerweile auch für andere Einrichtungen. Seit 2015 ist er Vorsitzender von PEGASUS.

Das Vorwort zu diesem erfreulich übersichtlich gegliederten Werk hat der freie Autor Jörg Hesse verfasst. Im Prolog dann nähert Cornelius Rinne sich bereits seinem ethischen Anliegen, nämlich zu erläutern, weshalb man Kunst nicht kaufen kann.

Die einzelnen Kapitel seines höchst eloquenten Buches beginnen jeweils mit einer Sentenz zum Thema Kunst unterschiedlicher namhafter Verfasser. Insgesamt warten 14 Kapitel darauf, gelesen und verstanden zu werden. Der Autor beginnt mit einem historischen Rückblick, berichtet von den sieben praktischen Künsten im Mittelalter, die dem Broterwerb dienten und in diesem Zusammenhang auch von den Bauhütten und den Gepflogenheiten dort. Zudem erwähnt er die ersten bildenden Künstler, die namentlich berühmt wurden. Hier werde speziell bei Leonardo deutlich, dass künstlerische Arbeit nicht primär handwerklich, sondern gedanklich begründet war.

Weiter macht Cornelius Rinne dann begreifbar, dass die Entwicklung zur freien Kunst dadurch verstärkt wurde, dass sich bildende Künstler immer intensiver weg von der Auftragskunst, „hin zu eigenveranwortlichem Handeln und Denken“ entwickelten. Nun musste, so Rinne, der Künstler die Individualit t seiner Person in seine Arbeit widerspiegeln. Dies geschah erstmals im Impressionismus, der der Beginn zur modernen bildenden Kunst war.

Von da an wurde der Rezipient einem fertigen Bildwerk ausgesetzt und dies sollte in ihm etwas bewegen. Leider wurde und wird das nicht von allen verstanden, denn ansonsten würden Kunstmessen nicht zu Innenausstattungsmessen verkommen.

Der Autor stellt in der Folge viele Fragen, reflektiert vielschichtig die Kunst und lässt die Leser am Reflektionsprozess teilhaben. Dabei fordert er aufkl rerisch zum Selbstdenken auf. Wie er schreibt, geht es ihm hauptsächlich darum, zu vermitteln, dass das, was Künstler herstellen, nicht Kunst sei, sondern Artefakte bzw. Kunstdokumente seien.

Man erfährt wie Kunst entsteht und wie sie gemacht wird, liest Wissenswertes über den Rezipienten, der für die Qualität von künstlerischen Prozessen nicht ausschlaggebend sei, dennoch aber mit das Wichtigste im Umgang mit Kunstdokumenten verkörpere. Sobald ein Rezipient versuche, in den Schffensprozess einzugreifen, entwerte er das entstehende Dokument. Das dies moralisch verwerflich ist, steht außer Frage.

Man liest von den unterschiedlichen Gruppen von Rezipienten im Bereich der bildenden Kunst. Hier nimmt der Autor auch die Besucher von Vernissagen ins Visier, die nicht selten ein Dokument erwerben, um alleinig ihre Wohnung damit zu schmücken, nicht aber der Bildung ihres Ichs wegen. Damit bleiben die Verk ufe allerdings Eintagsfliegen.

Kunstspekulation ist ein weiteres Thema, die Cornelius Rinne mehr als skeptisch betrachtet und resümiert: „Wenn wir die (bildende) Kunst retten wollen, sollten wir uns massiv gegen „art-brokerage“ und Kunstspekulation wehren.“

„Wozu braucht man Kunst?“ ist eine Frage, die der Autor natürlich intensiv überdenkt. Hier lässt er den Leser schlussendlich wissen, dass Kunst eine Hilfestellung für unsere geistige und emotionale Entwicklung darstelle, sie also benötigt werde, damit wir und die Gesellschaft sich kontinuierlich weiterentwickeln. Damit wird deutlich, dass Kunst – entgegen herkömmlicher Meinung – nicht elitär ist.

Dies und anderes mehr ist Grund genug das Buch zu lesen und zum Schluss Cornelius Rinnes „10 Thesen zur Kunst“ näher zu überdenken.  Über diese Thesen mit ihm zu sprechen, macht mich schon jetzt neugierig.

„Kunst kann man nicht kaufen!“ ist ein wichtiges Buch. Deshalb empfehle ich allen Kunstinteressierten und jenen, die es noch werden wollen, es ausgiebig zu studieren und mit Freunden darüber zu diskutieren.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

Außerdem hat Helga König mit dem Autor ein Interview geführt. Dieses finden Sie auf dem Interview Blog von Helga König.